Berkshire Hathaway gehört zu den bekanntesten Unternehmen der Welt – und trotzdem kursieren rund um diese Holdinggesellschaft zahlreiche Missverständnisse. Was macht das Unternehmen genau? Wie verdient es Geld? Wer steckt dahinter? Diese Fragen stellen sich Anleger, Wirtschaftsinteressierte und Neulinge gleichermaßen. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 700 Milliarden US-Dollar Anfang 2026 zählt Berkshire Hathaway zu den wertvollsten börsennotierten Konzernen überhaupt. Der folgende Artikel beantwortet die häufigsten Fragen – sachlich, direkt und ohne Umwege.
Was Berkshire Hathaway eigentlich ist und wie das Modell funktioniert
Berkshire Hathaway ist eine amerikanische Holdinggesellschaft mit Sitz in Omaha, Nebraska. Als Holding besteht ihre Haupttätigkeit darin, Beteiligungen an anderen Unternehmen zu halten – entweder vollständig oder als Minderheitsaktionär. Das Besondere: Das Unternehmen ist in keiner einzigen Branche tätig, sondern in Dutzenden gleichzeitig.
Zu den vollständig konsolidierten Tochterunternehmen zählen Versicherungsgesellschaften wie GEICO, Eisenbahnnetze wie BNSF Railway, Energieversorger, Einzelhändler, Hersteller und Dienstleister. Daneben hält Berkshire Hathaway bedeutende Aktienpakete an börsennotierten Unternehmen wie Apple, Bank of America oder Coca-Cola. Diese Mischung aus direktem Eigentum und Portfolioinvestitionen macht das Geschäftsmodell einzigartig.
Der Kernmechanismus des Modells ist die sogenannte „Float"-Strategie. Die Versicherungstöchter nehmen Prämien ein, bevor sie Schäden regulieren müssen. Dieses zwischenzeitlich verfügbare Kapital – der Float – wird investiert. Berkshire Hathaway nutzt diesen Cashflow seit Jahrzehnten, um Unternehmen zu erwerben oder Aktien zu kaufen. Ein schlichtes, aber wirkungsvolles Prinzip.
Die Aktienstruktur verdient ebenfalls Erwähnung. Die Klasse-A-Aktie (BRK.A) ist eine der teuersten Einzelaktien der Welt – der Kurs liegt im sechsstelligen Bereich pro Aktie. Die Klasse-B-Aktie (BRK.B) wurde als günstigere Alternative eingeführt und ist für Privatanleger zugänglicher. Beide Aktienklassen sind an der New York Stock Exchange notiert.
Von der Textilfabrik zur globalen Beteiligungsgesellschaft
Die Geschichte von Berkshire Hathaway beginnt nicht mit Warren Buffett. Das Unternehmen wurde 1839 in Massachusetts als Textilproduzent gegründet. Jahrzehntelang fertigte es Stoffe und Baumwollprodukte. Mitte des 20. Jahrhunderts geriet die amerikanische Textilindustrie unter Druck durch günstigere ausländische Konkurrenz.
Warren Buffett kaufte ab 1962 Anteile an dem damals angeschlagenen Unternehmen – zunächst als klassische Value-Investition. 1965 übernahm er die Kontrolle. Die Textilfabriken wurden schrittweise abgebaut, das Kapital in rentablere Bereiche umgeschichtet. Buffett selbst bezeichnete den Kauf später als seinen größten Fehler – nicht wegen des Unternehmens an sich, sondern weil er wertvolles Kapital in einem sterbenden Sektor gebunden hatte.
Die wichtigsten Meilensteine der Unternehmensgeschichte umfassen unter anderem folgende Akquisitionen und Beteiligungen:
- Kauf von National Indemnity Company im Jahr 1967 – der Einstieg in das Versicherungsgeschäft
- Erwerb von See's Candies im Jahr 1972 – ein frühes Beispiel für den Fokus auf Marken mit Preissetzungsmacht
- Beteiligung an The Washington Post in den 1970er Jahren
- Übernahme von GEICO (vollständig) im Jahr 1996
- Kauf von BNSF Railway im Jahr 2010 für rund 44 Milliarden US-Dollar
Jede dieser Entscheidungen folgte demselben Prinzip: Kauf von Unternehmen mit dauerhaftem Wettbewerbsvorteil, solider Führung und zu einem vernünftigen Preis. Dieses Prinzip hat sich über Jahrzehnte nicht verändert.
Die Zahlen hinter dem Konzern
Berkshire Hathaway erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Jahresumsatz von 302,1 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn lag bei rund 25,5 Milliarden US-Dollar. Diese Zahlen spiegeln die enorme Breite des Konzerns wider: Versicherungsprämien, Eisenbahnfrachten, Energieverkäufe, Einzelhandelsumsätze und Dividendenerträge fließen alle in diese Gesamtrechnung ein.
Ein wichtiger Hinweis zur Interpretation: Der ausgewiesene Nettogewinn von Berkshire Hathaway schwankt stark, weil nicht realisierte Kursgewinne aus dem Aktienportfolio nach US-amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften (US-GAAP) erfolgswirksam verbucht werden müssen. Buffett selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass diese Zahl das operative Ergebnis verzerrt. Das operative Ergebnis gilt daher als aussagekräftigere Kennzahl.
Die Bargeldreserven des Konzerns sind ein weiteres viel diskutiertes Thema. Berkshire Hathaway hält regelmäßig sehr hohe Kassenbestände, die in kurzfristige US-Staatsanleihen investiert werden. Diese Liquidität ermöglicht es, bei Marktturbulenzen schnell und entschlossen zuzukaufen. In der Finanzkrise 2008 und erneut während der Corona-Verwerfungen 2020 nutzte das Unternehmen genau diese Flexibilität.
Die Eigenkapitalrendite über mehrere Jahrzehnte ist das eigentliche Aushängeschild des Konzerns. Seit Buffetts Übernahme 1965 hat der Buchwert je Aktie eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate erzielt, die den S&P 500 deutlich übertrifft. Diese langfristige Überperformance hat Berkshire Hathaway zur Benchmark für wertorientiertes Investieren gemacht.
Warren Buffett und die Führungskultur des Unternehmens
Warren Buffett, geboren 1930 in Omaha, ist seit 1965 Vorstandsvorsitzender von Berkshire Hathaway. Er ist nicht nur das Gesicht des Unternehmens, sondern auch Architekt seiner gesamten Investitionsphilosophie. Sein Stil ist bekannt: langfristiges Denken, Konzentration auf wenige gut verstandene Unternehmen, Skepsis gegenüber Modetrends.
Jahrzehntelang stand ihm Charlie Munger als Vizepräsident zur Seite. Munger, der im Dezember 2023 im Alter von 99 Jahren verstarb, war der intellektuelle Gegenpol zu Buffett. Während Buffett stark von Benjamin Grahams klassischer Value-Methode geprägt war, überzeugte Munger ihn davon, auch für qualitativ hochwertige Unternehmen einen höheren Preis zu zahlen. Der Kauf von See's Candies gilt als Wendepunkt dieser Denkweise.
Die Führungsstruktur von Berkshire Hathaway ist bewusst dezentral gehalten. Die Tochterunternehmen werden von ihren jeweiligen Managementteams geführt. Die Zentrale in Omaha hält sich aus dem Tagesgeschäft heraus. Dieses Vertrauen in lokale Führungskräfte ist Teil der Unternehmenskultur und ein Grund, warum viele Gründer ihre Unternehmen lieber an Berkshire verkaufen als an andere Käufer.
Die Frage der Nachfolge beschäftigt Investoren seit Jahren. Greg Abel, der bisherige Chef der Nicht-Versicherungssparten, wurde offiziell als Nachfolger von Buffett benannt. Die Kontinuität des Modells soll gewahrt bleiben – auch wenn Buffetts persönliches Urteil und seine Reputation schwer zu ersetzen sind.
Was Anleger über eine Investition in Berkshire Hathaway wissen sollten
Wer in Berkshire Hathaway investieren möchte, steht vor einer praktischen Entscheidung: Klasse A oder Klasse B? Die A-Aktie kostet mehrere hunderttausend US-Dollar pro Stück und ist für die meisten Privatanleger schlicht unerschwinglich. Die B-Aktie entspricht etwa einem 1.500stel der A-Aktie und ist an deutschen Handelsplätzen über gängige Broker erwerbbar.
Berkshire Hathaway zahlt keine Dividende. Buffett argumentiert, dass das Kapital im Unternehmen besser eingesetzt werden kann als durch Ausschüttungen. Anleger, die auf regelmäßige Einnahmen angewiesen sind, müssen das berücksichtigen. Der Wertzuwachs kommt ausschließlich über den Kursanstieg der Aktie.
Das Unternehmen unterliegt der Aufsicht der Securities and Exchange Commission (SEC), der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde. Die quartalsweise veröffentlichten 13F-Formulare zeigen, welche Aktien Berkshire hält – ein von vielen Investoren weltweit verfolgtes Dokument. Für deutsche Anleger gelten zudem die üblichen steuerlichen Regelungen für ausländische Kapitalerträge nach dem Einkommensteuergesetz.
Ein letzter Punkt, der oft unterschätzt wird: Berkshire Hathaway ist kein Wachstumswert im klassischen Sinne. Aufgrund der schieren Größe des Konzerns wird es schwieriger, die historischen Renditen zu wiederholen. Das Unternehmen eignet sich eher als stabiler Baustein in einem diversifizierten Portfolio als als spekulativer Hebel auf kurzfristige Marktbewegungen. Wer Geduld mitbringt und langfristig denkt, findet in Berkshire Hathaway ein außergewöhnlich solides Konstrukt.